Organtransplantationen in China: Bestellter Tod

Kurz vor der Transplantation: Ein Spenderherz wird in kalter, steriler Lösung in den Operationssaal gebracht. (Foto: Gaetan Bally/Keystone Schweiz/Laif)

Vieles deutet darauf hin, dass in China nach wie vor Organe von Hingerichteten transplantiert werden. Lernten die verantwortlichen Ärzte ihr Handwerk auch an deutschen Kliniken.

China scheint es geschafft zu haben: Das Land bekommt endlich die lang ersehnte internationale Anerkennung für sein Transplantationssystem. Als die Weltkonferenz der Organtransplanteure 2016 erstmals in China stattfand, standen mehr als 50 chinesische Referenten im Programm. Ein Novum, bis dahin durfte kaum jemand seine Studien bei internationalen Konferenzen vorstellen, weil es in China üblich war an Patienten zu forschen, die Organe von hingerichteten Gefangenen transplantiert bekommen hatten – eine international geächtete Praxis. Doch nun prophezeit José Ramón Núñez Peña von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) China “eine führende Rolle innerhalb der Transplantationswelt”. Selbst die päpstliche Akademie der Wissenschaften empfing im Februar führende chinesische Transplantationsfunktionäre – ausgerechnet bei einer Tagung gegen den internationalen Organhandel.

Es hat sich einiges getan in China, seit Huang Jiefu, seinerzeit Vize-Gesundheitsminister, im Jahr 2005 erstmals zugab, was die Regierung über Jahrzehnte geleugnet hatte: Mehr als 90 Prozent der verpflanzten Organe stammten damals von hingerichteten Gefangenen. Huang setzte in der Folge durch, dass chinesische Transplantationszentren sich registrieren lassen mussten, so dass ihre Zahl von mehr als 600 auf 168 schrumpfte. 2007, im Vorfeld der Olympischen Spiele von Peking, verbot China den im Land weit verbreiteten Organhandel – auf dem Papier zumindest. Doch noch immer stammten nahezu alle transplantierten Organe von hingerichteten Gefangenen. Erst 2010 startete das Land ein Pilotprogramm, das Bürger dazu ermunterte, sich freiwillig als Spender zu melden. Noch 2014 allerdings vertrat Huang, inzwischen Vorsitzender des chinesischen Transplantationskomitees, die eigenwillige Auffassung, auch zum Tode verurteilte Strafgefangene könnten einer Entnahme “freiwillig” zustimmen. Erst seit 2015 verzichtet China offiziell vollständig auf Organe von Hingerichteten.

Kritiker des chinesischen Systems trauten dem vermeintlichen Fortschritt aber nicht: Die von der WHO geforderte Nachprüfbarkeit der Herkunft von Organen sei in China nicht gewährleistet, sagt beispielsweise die Organisation Doctors Against Forced Organ Harvesting, eine Nicht-Regierungsorganisation (NGO) mit Sitz in Washington. Von Transparenz kann in China in der Tat nicht die Rede sein. Die Organregister, etwa zu Lebern, Nieren oder Herzen, sind nicht öffentlich einsehbar. Das Land liefert zwar Zahlen für das weltweite Transplantationsregister der WHO, doch die fungieren eher als Platzhalter: Exakt 7864 Organe sollen zwischen 2010 und 2014 transplantiert worden sein – in jedem Jahr.

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Quelle: http://www.sueddeutsche.de / Wochenend Print Ausgabe 17./18. Juni 2017

17. Juni 2017

Martina Keller

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