Fachzeitschrift Diatra berichtet über 1. Int. Expertenforum

Fachzeitschrift für Nephrologie und Transplantation

Das 1. Internationale Expertenforum „Transplantation und Menschenrechte“ wurde am 16. April mit rund 30 Experten aus den Gebieten Medizin, Recht, Ethik, Politik und Menschenrechte in Bern veranstaltet.

PDF: 2015-2-Diatra Magazin

Jeder, der sich am Organhandel beteiligt ist strafbar

Unmissverständlich erklärte Prof. Dr. Gerhard Dannecker, Direktor des Instituts für deutsches, europäisches und internationales Strafrecht und Strafprozessrecht an der Universität Heidelberg, dass „jeder, der sich irgendwie am Organhandel beteiligt, strafbar ist.“ Hierbei geht es nicht nur um den (eigentlichen) Kauf des Organs zum Zweck des Weiterverkaufs: im Vorfeld getätigte Aktivitäten wie der Vertragsabschluss und die davor geführten Verhandlungen, Verkaufsangebote, sowie Einkaufsbemühungen mit Weiterveräusserungsabsicht sind berechtigterweise bereits strafbar.

Vielen Staatsanwälten ist nicht bekannt, dass die schweizerische Polizei Zugriff nehmen kann, wenn in Erfahrung gebracht wird, dass ein Organ im Ausland erworben werden soll. Viele Mediziner wissen dies anscheinend auch nicht, wie Prof. Dannecker anhand eines Beispiel aufzeigt: „Ein Transplantationsmediziner erklärte mir: Wissen Sie, wenn ich einen Patienten habe, der genügend Geld hat, dann weiß ich schon wohin ich den in China schicke, wo der sehr schnell ein Organ bekommt.” Auf die Frage, ob er wisse, dass er sich damit strafbar mache, reagierte der Mediziner fassungslos. Prof. Dannecker stellte fest, dass „in dem Bereich kein Unrechtsbewusstsein da ist” und, „dass es vielleicht doch etwas mehr Aufklärung und vielleicht auch mehr Diskussion braucht.” Seiner Schlussfolgerung nach ist es „unabdingbar, dass Staaten sich zusammenschließen und ein (übergeordnetes) Gremium schaffen, welches jährlich die Menschen überprüft, die mit einem im Ausland erworbenen Organ zu Nachuntersuchungen im Inland auftauchen.“ Dannecker erklärte, dass dies häufiger der Fall sei in Heidelberg: „Natürlich müssen diese Patienten behandelt werden aber begangenes Unrecht muss geahndet werden! Nur so können wir erreichen dass der Organhandel aus dem Dornröschenschlaf (aus rechtlicher Sicht) aufwacht und diese Straftatbestände tatsächlich angewandt werden“ und mit Bezug auf China: „In China steht der Staat hinter dem Organhandel. Nationales Strafrecht gilt aber dennoch und kann daher trotzdem bestrafen.”

Es ist Feuer

Laut PD Dr. Med. Franz Immer, CEO Swisstransplant und Facharzt für Herzchirurgie FMH ist der illegale Organhandel ein wichtiges Thema innerhalb von Swisstransplant. Die Schweiz beinhalte auf Grund ihrer großen Kaufkraft ein Zielpublikum und es sei bekannt, dass Organe im Ausland erworben wurden/werden. Dr. Immer betonte die Notwendigkeit eines legalen Organspendesystems denn nur dadurch könnte vermieden werden, dass Hingerichtete in China als Organspender missbraucht werden. Weiters zitierte Dr. Immer den Präsidenten der chirurgischen Sektion der Europäischen Union für Spezialärzte, Prof. Papalois mit dem Worten: „Wo Rauch ist, ist wahrscheinlich auch Feuer.“ An dieser Stelle verwies Dr. Immer auf die Recherchen von David Matas und David Kilgour, die sie „akribisch und sehr gut dokumentiert haben“ und schloss mit den Worten, „ich glaube es ist Feuer und ich glaube es ist viel mehr Feuer, als wir uns überhaupt vorstellen können“.

Die Organplünderungen jetzt beenden

Der ehemalige kanadische Parlamentsabgeordnete, Staatssekretär und Staatsanwalt Hon David Kilgour erläuterte, wie er und sein CO-Autor David Matas zu den Schlussfolgerungen in ihrem Buch „Blutige Ernte“ kamen, dass für 41,500 von 2000 bis 2005 durchgeführte Transplantationen in China als einzig plausible Beschaffungsquelle Falun Gong Praktizierende in Frage kommen. Falun Gong ist eine Bewegung, die sich über ganz China erstreckt. Es ist eine Gruppe von Menschen, die Übungen und Meditationen durchführt, welche aus dem Buddhismus/Daoismus stammen. Sie zählte Mitte der 90er Jahre nach Schätzungen der Regierung 70—100 Millionen Menschen und wird seit 1999 besonders vehement und kontinuierlich verfolgt. Der 2006 veröffentlichte Untersuchungsbericht Blutige Ernte ist unter www.organharvestinvestigation.net auch auf Deutsch verfügbar. Unter anderem sind darin Telefonate aus dem Jahr 2006 zu chinesischen Spitälern enthalten, in welchen bestätigt wird, dass gesunde Falun Gong Organe in China zu haben sind. Hon. Kilgour erklärte wie das System funktioniert: „Brauchst du eine Niere oder eine Leber, wirst du vermutlich in das Nr. 1 Volkskrankenhaus in Schanghai gehen. Dort wird ein Bluttgruppen- und ein Gewebetypentest etc. durchgeführt. Anschließend wird in eines der 350 Zwangs-/Arbeitslager gegangen und der passende Spender abgeholt. Die Organe werden entnommen, die Person stirbt natürlich, du bekommst das passende Organ in Schanghai eingepflanzt und kannst mit deiner neuen Leber oder Niere zurück nach Bern oder Ottawa fliegen.” Kilgour richtete die Frage an Dr. Immer und Prof. Dannecker, ob sie versichern könnten, dass keines der transplantierten Organe in der Schweiz oder in Deutschland aus China käme. Eine Frage die beide verneinten. David Kilgours Schlussfolgerung ist: „Der erste Schritt in die richtige Richtung ist: Die Organplünderungen jetzt zu beenden.”

Kurioses aus China

David Matas, kanadischer Menschenrechtsanwalt und Co-Autor des Buches „Blutige Ernte”, schrieb eine 33-seitige Recherche anlässlich des Events in Bern, in der er akribisch die offiziellen Aussagen Chinas unter die Lupe nahm und dabei Kurioses zu Tage förderte:

China betreibt eine Art Organregister und „die Krankenhäuser rapportieren direkt an diese Register.” Laut Matas sind diese Zahlen relativ verlässlich. Es gibt vier dieser Register, je eines für Lunge, Herz, Niere und Leber, wobei das in Hong Kong ansässige Register für Leber als einziges öffentlich zugänglich ist. David Matas erzählt, dass nachdem sie begonnen hatten, Zahlen des “China Liver Transplantation Registry” zu zitieren, dieses für die Öffentlichkeit geschlossen wurde. Als Matas an einem Kongress den Verantwortlichen des “Leber-Registers” traf, fragte er warum das Register geschlossen wurde und bekam als Antwort: „Wir mochten es nicht, wie die Daten verwendet wurden.”

Ein weiteres Beispiel: 2014 erklärte Chinas Gesundheitsminister Huang Jiefu: „Wir machen große Fortschritte bei dem Wechsel der Organquelle von Gefangenen zu Spendern. Die Art wie wir das tun ist, wir reklasssifizieren die Gefangenen als Spender.” Bereits ein Jahr später verkündete Huang Jiefu, dass nun alle Organe von Freiwilligen stammen würden. David Matas bezweifelt jedoch, dass allein die Aussage “Keine Organe von Gefangenen mehr” zu einer Zunahme von Spendern führt.

Ich war damals auch fast ein Opfer

Betroffen machen die Schilderungen von Frau Liu Wei, sie praktiziert seit 1995 Falun Gong. Nach 1999 wird Falun Gong vom Staat nicht mehr unterstützt sondern verfolgt. 2001 zeigt eine Arbeitskollegin Liu Wei bei der Polizei an. Aus Angst, denn wer Falun Gong nicht anzeigt, läuft Gefahr selbst Repressionen zu erhalten. Liu Wei wird zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Bereits in Untersuchungshaft erlebt sie Folter in Form von Schlafentzug, langem Sitzen auf kleinen Hockern in einer vorgeschriebenen Haltung, Schlägen wenn ihr die Augen zufallen oder sie sich bewegt, sowie von Elektroschocks und Gehirnwäsche. Zwar unterschrieb sie eine Verzichtserklärung auf Falun Gong, wurde aber dennoch zu Zwangsarbeit und Gehirnwäsche gezwungen. Sie musste andere Falun Gong Praktizierende schlagen. Für Liu Wei gab es nur zwei Wege: „Der körperliche oder der seelische Tod. Mein Körper war noch da, aber meine Seele war wie weg. Zum Glück bin ich noch hier. Zum Glück konnte ich ins Ausland. Viele meiner Bekannten wurden zu Tode geschlagen.” Sie erinnert sich, als Blutige Ernte – Untersuchungsbericht zu den Anschuldigungen der Organentnahmen an Falun Gong Praktizierenden in China – von David Matas und David Kilgour 2006 veröffentlicht wird: „Als ich im Untersuchungsgefängnis war, kam eines Tages viel medizinisches Personal mit technischen Geräten. Nur Falun Gong Praktizierende wurden gezwungen sich körperlichen Untersuchungen zu unterziehen. Wir wurden gezwungen unseren Blutdruck messen zu lassen und es gab eine Blutentnahme. Mein Herz, meine inneren Organe wurden mit Ultraschall untersucht.” Sie erinnert sich sehr klar. Der Arzt habe nach Erbkrankheiten gefragt und sie antwortete, ihr Großvater hätte Herzprobleme gehabt. „Damals fand ich es nur komisch. Ca.1000 Falun Gong Praktizierende wurden nacheinander untersucht. Das kostet so viel Geld, warum ist das so?” Liu Wei erhielt keine Antwort auf ihre Fragen. Auch die Untersuchungsergebnisse erfuhr sie nicht. Während der fünf Monate Haft wird Liu Wei fünf Mal körperlich untersucht. Sie erinnert sich: „Auch die Augen und die Haare, von Kopf bis Fuß, alles wurde untersucht.” Wieder bleiben die Untersuchungsergebnisse geheim. „2006 wurde es mir sofort klar. Diese Untersuchungen dienten zur Vorbereitung des Organraubs. Das ist so gefährlich. Ich war damals auch fast ein Opfer. “

Noch heute spürt Liu Wei den Druck der Verfolgung: „Es ist so schlimm, in der Nacht träume ich, dass ich wieder eingesperrt bin, höre Schreie, werde wieder geschlagen, obwohl schon 14 Jahre vorbei sind. Ich finde, das ist nicht nur eine chinesische Sache. Das ist gegen die menschliche Moral.”

Kasten:

„Transplantation und Menschenrechte“ ist ein Projekt der IGFM, Internationale Gesellschaft für Menschenrechte Sektion Schweiz, die sich für Menschenrechte in der Transplantationsmedizin einsetzt. Denn mit einem Schritt in eine unethische Richtung in der Transplantationsmedizin befinden wir uns bereits mitten in Menschenrechtsverletzungen.

Texte, Reden und Bilder zum 1. Internationalen Expertenforum “Transplantation und Menschenrechte” so wie allgemeine Informationen finden sie unter:

www.transplantation-und-menschenrechte.ch

Quelle: Diatra – Fachzeitschrift für Nephrologie und Transplantation

12. Juni 2015

Simone Schlegel-Grünenfelder und Rebecca Walter

1. Int. Forum: Reden der Referenten, Aktuell, Foren, Medienspiegel, Zeitungen und Magazine

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