Sie sagten, nicht für die Herkunft der Organe verantwortlich zu sein

Interview Schweizer Pharmafirmen sind in das chinesische Transplantationsgeschäft involviert. Die Erklärung von Bern fordert grösstmögliche Transparenz.

Seit Anfang Jahr ist in China die Organentnahme von hingerichteten Häftlingen verboten. Ist diese unethische Praxis tatsächlich unterbunden?
Patrick Durisch1: Das ist äusserst fraglich. Die chinesische Regierung hat zwar angekündigt, dass nur noch von lebenden und freiwillig zustimmenden Menschen Organe entnommen werden. Das Problem ist aber, dass alles sehr intransparent ist. Man kann heute nicht sicherstellen, dass diese Vorschriften wirklich eingehalten werden. Es stellt sich etwa die Frage, ob es freiwillig ist, wenn ein Häftling eine Erklärung unterzeichnet. Auf diese Frage gibt es in China keine Antwort.

Die EVB warf Roche (ROG 266.1 2.54%) vor fünf Jahren vor, in China Studien mit Immunsuppressiva durchzuführen, ohne die Herkunft der Organe zu überprüfen. Wie beurteilen Sie die Situation heute?
Wir haben Roche damals am Public Eye in Davos aufgefordert, diese Studien sofort zu beenden. Roche hat sich geweigert. Inzwischen sind die Studien zwar abgeschlossen und Roche hat angekündigt, keine neuen Transplantationsstudien durchzuführen. Roche hat die unethische Dimension dieser Studie und ihre Verantwortungslosigkeit nie erkannt (siehe Box2). Das Unternehmen hat sich damals auf den Standpunkt gestellt, nicht für die Herkunft der Organe verantwortlich zu sein und alles Mögliche getan zu haben, um geltende chinesische Vorschriften einzuhalten. Warum sollte das heute anders sein?

Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit von Novartis (NOVN 95.65 2.24%) mit der Transplantationsabteilung des First Affiliated Hospital of Guangzhou Zhongshan University?
Mangels Transparenz kann ich dazu nichts sagen. Was aber sicher ist: Novartis entwickelt zurzeit neue Medikamente im Transplantationsbereich und vermarktet weiter auch ältere Produkte. Sie verfolgen also konkrete wirtschaftliche Interessen. Das zeigen diverse laufende klinische Studien weltweit, unter anderem in Taiwan, Brasilien oder Indien. Wenn die neue Kooperation in China zu neuen Studien führt, muss Novartis also unbedingt seiner Sorgfaltsprüfungspflicht nachkommen.

Sie fordern, dass keine Studien mit Transplantationspatienten gemacht werden, bei denen es keine Garantie dafür gibt, dass die Organe auf ethisch verantwortbare Weise entnommen wurden. Wie kann man das garantieren?
Einerseits müssen auch Schweizer Pharmaunternehmen die Regierungen unter Druck setzen, ein Monitoring über die Organentnahme einzurichten. Andererseits dürfen sie Studien nur dann durchführen, wenn sie über lückenlose Daten verfügen, die jeden Schritt im Prozess transparent dokumentieren. Das steht übrigens auch nicht im Widerspruch dazu, dass die Anonymität der Spender gewährleistet werden muss.

Ist es in China möglich, die ethische Entnahme von Organen zu gewährleisten?
Nein. Es gibt keine Garantien dafür, dass die chinesische Transplantationsmedizin ethische Mindeststandards einhält.

Kann man den Pharmafirmen dafür zugutehalten, dass ihre Medikamente Menschenleben retten?
Die Roche-Studie wurde durchgeführt, nachdem das Medikament bereits auf dem Markt gewesen war. Die Studie war deshalb aus einem medizinischen Standpunkt unnötig, zumal es schon mehrere zugelassene Medikamente mit einer vergleichbaren Wirkungsweise gibt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Quelle: Tages-Anzeiger Online


1 Patrick Durisch ist Leiter des Fachbereichs Gesundheit der Erklärung von Bern.
2 Roche wehrt sich gegen Kritk
Gottlieb Keller, Mitglied der ­Roche-Konzernleitung, wehrte sich letztes Jahr in der Zeitung der Stiftung Swisstransplant gegen die Vorwürfe. ­Roche wolle wo immer möglich «einen Beitrag für die Gesundheit von Menschen» leisten, auch in Staaten, die anders funktionierten. Wirklich unethisch sei der Rückzug aus China, weil der ja auch chinesische Patienten gefährden würde. (TA)
10. Mai 2015

Felix Schindler